– anders segeln    s e g e l n       t a n z e n       s i n n l i c h e   r e i s e n   –
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Ich betreibe ein Segelboot an der Unteren Havel in Berlin und vermiete es im Rahmen der Sportschifffahrt. Neben der exklusiven Charter des gesamten Bootes gibt es die Möglichkeit als Crewmitglied an gemeinsamen Fahrten teilzunehmen. Anders als in der Fahrgastschifffahrt ist jede und jeder an Bord in den Bootsbetrieb eingebunden, darf selber steuern, übernimmt Aufgaben und kann die Fahrt mitgestalten. Wer einfach für ein paar Stunden oder Tage auf dem Wasser sein und segeln möchte, findet hier eine wenig aufwändige Möglichkeit, an Bord eines klassischen Jollenkreuzers, gleich am Rande der Großstadt.

In meiner Segelschule vermittle ich hilfreiche und für die souveräne Führung eines solchen Bootes notwendige Kenntnisse und Fähigkeiten, ausgerichtet an der Praxis des Fahrtensegelns. Wer noch nie daran gedacht hat selber segeln zu können oder sich durch übliche Angebote nicht angesprochen fühlt ist hier willkommen, einen faszinierenden Freiluftsport auf neue Weise kennen zu lernen. Durch die Verknüpfung mit anderen Themen und Erfahrungswelten schaffe ich darüber hinaus einen Raum für die experimentelle Erweiterung dessen, was Segelsport meint und praktisch bedingt.

segeln

Gemeinsam ein Boot bewegen.
Draußen sein, am Fluss. Wasser, Wind und Material erleben, als sinnlichen Spielraum.

tanzen

Traditionelles Fahrtensegeln und moderne Seemannschaft treffen auf Kontaktimprovisation und unmittelbar komponierte Bewegungskunst.  

sinnliche reisen

Erkundung ungewöhnlicher Wege. Gegenüberstellung. Verfeinerung. Genuss.


15.6.2013 Gatow
[Bild: Anonymus]


an open question - is there a possibility to connect sailing and dance? just a crazy idea: a school for aware, creative and free sailing, where one can learn about reasons and ways to sail, explore dreams, develop ways of sailing as art, connect sailing to other arts… why are you sailing? does it make you happy? how? what are your dreams and how do you deal with them? how can we connect and learn together? (sailing question thoughts, dec. 2007)



Über das 'Andere'


I
Mit der allgemeinen Verbreitung maschinengetriebener Schiffe ist Segeln eine Sache von Sport und Freizeit geworden. Schiffe mit Windantrieb werden heute überwiegend zum Vergnügen betrieben und Vergnügen bedeutet dabei in der Regel: Schneller segeln. Ein Boot ist ein Boot - zwei Boote sind eine Regatta. Alternativ: Möglichst geradlinige Fahrt von A nach B, für das Erlebnis, zur Erholung oder als vorzeigbare Leistung. schneller / weiter / härter vs. gemütlicher / hübscher / komfortabler.
Einzelheiten richten sich nach geografischen Gegebenheiten, zeitlichen und finanziellen Möglichkeiten, Fahrregeln, Wettbewerben, marktgängigen Angeboten, Vorbildern, Traditionen, Moden. Historisch-mythologischer Hintergrund, maritime Symbolik und Preislage der oberen Marktsegmente prägen Flair und AnsehenLuxus / Freiheit / Abenteuer / Unberührte Natur. Doch wie viel Freiheit und Abenteuer stecken noch im aufsuchen zugelassener Liegestellen an deutschen Binnenwasserstraßen? Wie unberührt kann Natur überhaupt sein, wenn sie sich widerspruchslos auf die grüne Kulisse in einer Tourismusbroschüre reduzieren lässt? Wie luxuriös ist eine Kanalfahrt im ländlichen Brandenburg bei Dauerregen?



« Quand tu veux construire un bateau, ne commence pas par rassembler du bois, couper des planches et distribuer du travail, mais réveille au sein des hommes le désir de la mer grande et large. »
(Antoine de Saint-Exupéry, La citadelle, 1948)




Ich bin mit den hergebrachten Formen und Erzählungen des Segelsports aufgewachsen, habe gelernt kleine wie große Schiffe zu steuern, Holzplanken, Kunstfasertauwerk und Edelstahlschrauben wertzuschätzen, Mannschaften zusammen zu telefonieren, schlechtes Wetter in gute Geschichten zu verwandeln und sehr viel Schönes darin gefunden. Nicht zuletzt wunderbare Menschen und erstaunlich viel Freiraum, auch in konservativen Vereinsstrukturen, auch in den regulierten Kulturlandschaften einiger der meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt. Träume, stark genug einen Teil meines Lebens daran auszurichten.

II
Segelsportboote sind großartige Spielzeuge. Bereits die Aufgabe ihre Fortbewegung an sich bildet einen außerordentlich reichen und intensiven Erlebnisraum für eine aktive Besatzung, umso mehr noch ihre Umwelt; Wasserwege, Landbarrieren Wettergeschehen, Häfen, andere Wasserfahrzeuge. Im Ergebnis der Kombination von Boot, Besatzung, Umwelt und Reiseziel lassen sich eine Vielzahl grundlegender Erlebnisqualitäten finden: Sinnliche Erfahrung von Raum, Material, Umwelt und elementaren Kräften. Bewegung / Beschleunigung in fließenden, komplexen Mustern, bei angenehmen Geschwindigkeiten. Unmittelbare Wirksamkeit eigener Handlungen. Körperlichkeit, Grundbedürfnisse und Lustgewinn. Überschaubarkeit und Weite. Mut, Vertrauen und technische Erweiterung körperlicher Grenzen. Teamarbeit, Nähe und Distanz. Persönlichkeit und Begegnung. Poesie, romantische Sehnsucht, erotisches Spiel. Die teilnehmende Beobachtung der ineinander verwobenen Schichten geografischer Wirklichkeit und ihrer Veränderung in Raum und Zeit. wirklich und draußen / überschaubar und geborgen. Was würde passieren, wenn diese Qualitäten, offener benannt, Gegenstand der Erzählung und Planung einer Segelreise würden? Was, wenn die Besatzung anfinge, neue Formen und Regeln für ihr Bewegungsspiel zu erfinden? Im Rahmen der BinSchStrO, versteht sich.



"It is the attempt that counts, not the perfection!"
(Martha Moore, Sweded Samourai - Reloaded, 2010)




Innerhalb der Segelwelt gibt es durchaus Erfahrungen und Vorbilder: Teamtraining, Erlebnispädagogik, Umweltbildung. Traumziele, Weltumseglungen und Aussteigergeschichten. Sail-Training, Völkerverständigung und Stadtmarketing. Segelschiffe sind Hingucker und Projektionsflächen. Die Wirklichkeit dahinter? Sehr unterschiedlich, manchmal ernüchternd, wenig spielerisch, selten kritisch reflektiert. Ohnehin erscheint der Begriff Bewegungsspiel in der Segelwelt irgendwie deplatziert. Es geht um ernste Dinge, vor allem beim Regattasegeln, Bewegung an Deck ist ein Sicherheitsthema und Spielkram eine abwertende Bezeichnung für ungeeignete Technik. Natürlich gibt es Segeln auch in weniger ernst, für die populärste Variante die Promillegrenze und den Flaschenhalter im Cockpit, ansonsten sagt man Fun- dazu. Unter der Vorsilbe tut sich was und geht sicher noch mehr, aber was kommt nach posing vor der GoPro und sharen im Netz? Freie Zeit auf dem Wasser verbringen, entfernte Orte besuchen und mit besserer Technik schneller segeln wird immer seinen Reiz haben - Erzählungen, Lehrbücher und Events füllen - aber sollen denn Technik, Orte und Geschwindigkeit die einzigen Variablen im Spiel sein? Was suchen wir noch? Was ist auf der menschlichen, körperlichen Seite? Komfort, Baden, Essen und der Inhalt des Flaschenhalters. Und sonst?



"The life of the body is more variously expressive than a sex-negative society can admit."
(Carolee Schneemann, Cézanne, She Was A Great Painter, 1976)



Yoga taucht langsam auf, als Zusatz-Wellnessangebot, aber Körperarbeit - so mit anfassen - erscheint immer noch heikel. Bewegungskunst? Künstler an Bord? Marinemaler und Sportfotografen vielleicht, gelegentlich Musiker. Favorisiert werden handfestere Typen. Bei Sexualität schließlich gibt es einen Haufen Klischeebilder und viel, viel Ablehnung. Liebe geht gerade noch - so im allgemeinen und in Partnerschaft, zu zweit - alles weitere nur heimlich. Freude an intensiven körperlichen Empfindungen? Dominant-submissive Rollenspiele? Nicht auf Schiffen, bestimmt nicht... Klarmachen zum Segelsetzen! Heiß vor das Großsegel! - Großsegel wird vorgeheißt... Daneben derbe Mythen aus der Zeit der Frachtsegelei, entschärft zu maritimem Kitsch, weit entfernt von der heutigen Realität. Auch die Geschlechterrollen sind, vorhandenen Gegenbeispielen zum Trotz, überwiegend fest verteilt: Skipper und Bordfrau oder 'Yacht-Master' neben Bikini-Mädchen. Er segelt und träumt von Abenteuern - Sie kommt mit, wenn der Komfort stimmt. Geht das nicht anders? An Land gibt es mittlerweile gute Räume und Vorbilder dafür, selbstbestimmt und auf Augenhöhe. Safe, Sane and Consensual.

III
Eine andere Beschäftigung, die ich später als
das Segeln kennen aber ebenso lieben gelernt habe, ist zeitgenössischer / postmoderner Tanz, vor allem Kontaktimprovisation. In der Variante zum selber machen, im Rahmen von Workshops, Study Labs und Contact-Jams. Im Kern geht es dabei um die freie Improvisation von Bewegungsfolgen, in direktem Kontakt von zwei oder mehr Menschen. Ein im Moment entstehendes Spiel mit Körpern in Raum und Zeit, Berührungspunkten, Schwerkraft und physikalischem Momentum, auf allen Bewegungsebenen. Angestrebt wird ein Zustand gleichzeitig fließender Wahrnehmung und kreativer Handlung; sensible Verständigung durch physischen Kontakt und ein besonderes ästhethisches Bewusstsein für die Realität; alle Bewegungen Teil eines Tanzes werden zu lassen; Kunst zu erschaffen, die mit dem Moment ihrer Entstehung vergeht und ein Wohlgefühl im eigenen Körper, im Kontakt mit anderen. schöner / wahrhaftiger / lustvoller & seeing the great choreography of outside world.



"The hills and the sea and the earth dance. The world of man dances in laughter and tears. Why put on the robe of the monk, and live aloof from the world in lonely pride? Behold! my heart dances in the delight of a hundred arts; and the Creator is well pleased." (Rabindranath Tagore, Songs of Kabîr, 1915)



Entstanden aus avantgardistischen Experimenten Anfang der 1970er Jahre in Kalifornien, wurde die Entwicklung der Kontaktimprovisation von ihren Begründern bewusst offen gelassen, ohne Zertifikate, Prüfungen und großes Geld und mit viel Raum für Verbindungen zu anderen Bewegungskünsten, Formen von Körperarbeit, Bewusstheitsübungen. Häufig wird sie unabhängig von einem Publikum ausgeübt, allein zur Freude an Bewegung, Ausdruck und Begegnung, in einer wachsenden, internationalen Szene. Wer gelernt hat, auf die Bewegung eines anderen zu hören und sich selbst durch Berührung auszudrücken vermag, muss nicht zwingend die Worte des anderen verstehen, um sich zu verständigen. Völkerverständigung at the roots, sozusagen, durch freundliche Berührung. Musik wird gerne einbezogen, ist aber nicht notwendig und draußen tanzen geht auch, site-specific. Eine andere Welt, mit anderen Erzählungen, Gebräuchen und der eigenartigen Kraft, Träume zu erweitern.

IV
Einfach Segeln ist wunderschön, einfach tanzen auch. Man muss nicht ständig alles verbinden, aber der Gedanke, dass entfernte Welten strikt getrennt gehörten und Änderungen der Spielformen verehrten Meistern und Wettfahrtregelausschüssen vorbehalten seien, war mir nie sympathisch. Und was heißt denn einfach segeln? Doch wohl hoffentlich nicht für jeden das gleiche.. (es soll schon GPS-gestützte Kollisionen gegeben haben, an blind eingetippten Wegepunkten). Ausweichregeln, Segeltechnik und Geografie sind Grundlagen, alles weitere ist freies Spiel. Making your own score. Wenn gemütlicher / hübscher / komfortabler genau das richtige für einen ist, wer bin ich um sagen zu können: "So geht's aber nicht! Segeln ist doch..."?

Meine persönliche Vorstellung von einfach segeln beinhaltet viel Übernommenes von dem, was
in den letzten einhundert Jahren in der Spielart des Fahrtensegelns, speziell in Norddeutschland, erprobt und kultiviert wurde. Gelernt in der Familie, in Vereinen, Segelschulen, Stammcrews und ausgewählt nach Gelegenheit, Vorliebe und praktischem Nutzen. Durchaus traditionell, im Sinne von: Auch mit kleinen Booten große Reisen machen, nicht nur bei Sonne, sich auf das Leben an Bord einlassen und an den elementaren Dingen erfreuen: Warmer Schlafsack, funktionierender Kocher und dichtes Persenning. Meistens war da zuerst ein Schiff und ich wollte es segeln; häufig waren interessante Leute dabei und ich wollte mit ihnen sein.



"If we present a mingle-mangle, our fault is to be excused, because the whole worlde is become an Hodge-podge."
(John Lyly, Midas, 1592)




Unter moderner Seemannschaft verstehe ich das, was man braucht, um ein Schiff sicher über das Wasser und wieder in den Hafen zu führen und was praktisch anwendbar ist, unter den Bedingungen an Bord: Realistisch einzuschätzen, was Schiff und Besatzung hier und jetzt können und es so zu dirigieren, dass es Freude macht, für alle Beteiligten. Einen guten Erfahrungsraum zu eröffnen. Neugier dem Unbekannten gegenüber und das Bestreben, die Dinge zu begreifen mit denen man umgeht. Unvorhergesehenes und Fehler einzubeziehen. Kooperative Führung mit Klarheit und Empathie. Neuere Technik einzusetzen, wo sie echte Vorteile bringt und Althergebrachtes weiter zu nutzen, wo es gut funktioniert. Eigene Erfahrungen wichtiger zu nehmen als Wertungen vom Hörensagen. Bei sich zu bleiben und mehr als einen richtigen Weg zu akzeptieren.

So verstanden kann anders segeln bereits sein,
Hafenmanöver auch einmal ohne Motor zu fahren, einfach so und Positionslaternen nicht nur in Notfällen einzusetzen. Mehrere Tage ohne Landanschluss auszukommen und Ankerplätze zu wählen, die nicht im Revierführer stehen. Segelschule ohne Scheine und Kojencharter auf einem Binnenrevier anzubieten. Oder auch zu sechst an Bord zu schlafen, auf nicht mal acht Meter Schiff. Nicht, weil das heute nicht auch anders ginge - sondern weil der Raum, der damit entsteht, aufregend, schön und sehr befriedigend sein kann.



"Any fool can work an engine | it takes brains to work with sail | and I've never seen no steamship | gettin' much good out of a gale. || You can go and pay your taxes | on the ration gas you get | but at least to me the wind is free | we haven't run out yet. || So Rosie, get my Sunday shoes | Gertie, get my walking cane | we'll take another walk to see | Old Alice sail again."(Dan Aguiar, Alice Wentworth, 1978)




O.M 17.11.2014 | 14.8.2013 | 25.5.2012Ole Mirjam Rüppell

1972
in Hamburg geboren und schon im ersten Lebensjahr an Bord eines Segelbootes gestellt. Langjährige Segelpraxis auf Privatyachten, Jugendbooten und Sail-Training-Schiffen. Elbe, Ostsee, Nordsee, Weser bis Atlantik. Sportseeschiffer/-in. Studium der Geografie, Geologie und Biologie/Ökologie an der Universität Bremen. Ausgehend von Kontaktimprovisation fortlaufende Beschäftigung mit verschiedenen Bewegungskünsten und sinnlichen Spielweisen. Lebt, lernt und liebt seit 2009 in Berlin. Arbeitet außerdem als Stadt- und Museumsführer/-in in den Abgründen deutscher Geschichte und Berliner Stadtstruktur.

* boatname-dropping *
BALTICA, Hamburg, 9m-Langkiel-Slup
BRUNO, Hamburg, Optimist-Jolle
VÄNINNA, Hamburg, 11m-Langkiel-Slup
ENY VII, Hamburg, Jugendwanderkutter
RÖDA VALLMON, Hamburg, 10,8m-Kurzkiel-Slup
ESPRIT, Bremen, 20m-Gaffelschoneryacht
BALU, Bremen, 
Jugendwanderkutter
JAN VON MOOR / JAN VON FINDORFF, Bremen, Halb-Hunt-Torfkähne
HELENA, Bremen, Weserjolle
LILULEJ, Berlin, 20er-Jollenkreuzer



Critiques:
"methinks the captain could do with even brighter lipstick and eyeshadow to match"  (O.C.)





     [Bild Mitte: Corinna Schönherr; Bild unten: Max Nagele]

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